ap_39764_img_2464Konzipiert, behinderten Menschen die Integration in das alltägliche Leben zu erleichtern, den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen, um außerdem zu unterstützen, zu therapieren und zu fördern – eine beinah unmögliche Mission?

In den typischen Leitsätzen einer Werkstatt heißt es: „Jeder wird bei uns […] geachtet“ oder auch „unsere Arbeit ist geprägt durch Wertschätzung des Menschen“. Imposante Worte, in einer Gesellschaft, in der es nur um Leistung und Produktivität zu gehen scheint. Dabei hat die Institution Behindertenwerkstatt ein ernstes Problem, sie will marktwirtschaftlich und sozial erscheinen.
Im Alltag sieht es jedoch erschreckend anders aus: Denkbare Arbeitsmöglichkeiten müssen sich, durch die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter, fast immer auf Hilfsarbeiten beschränken – Aufgaben die heutzutage Maschinen erledigen und zu denen man dementsprechend im direkten Preis- und Produktionskampf steht. Dabei bieten diese Arbeiten kaum Verwirklichungspotential und sind fast immer entsetzlich monoton, wodurch schon nicht mehr auf jeden geachtet werden kann.

Denn Behinderte kann man nicht in einen Topf packen, man muss sie individuell betrachten. Die Spannweite des Klientel‘ einer heutigen Behindertenwerkstatt beginnt bei mehrfach Schwerstbehinderten, geht über leichte Lernstörungen bis zu Langzeitarbeitslosen, 1-Euro Jobbern oder Süchtigen. Dadurch entstehen gewaltige Leistungsunterschiede, die dabei immer dem Niveau des schwächsten Gliedes der Gruppe angepasst werden müssen. Dieser Teil der Behinderten, der durch seine geistigen Defizite nur einfachste Arbeiten ausüben kann, ist meistens sogar glücklich damit und begrüßt die festen Arbeitsstrukturen, an denen er sich orientieren kann. Er schafft es jedoch nicht die Produktion aufrecht zu erhalten und arbeitet meist unrentabel. Dies führt dazu, dass die Werkstatt auf Menschen angewiesen ist, die nicht zu ihr passen können. Menschen die auf den ersten Arbeitsmarkt gehören und in einer Werkstatt extrem unterfordert sind, die eine Bezahlung von knapp 150 Euro pro Monat (ohne zuzügliche Sozialbeträge) sicher nicht als Wertschätzung betrachten und denen der Eintrag „Werkstattbeschäftigter“ im Lebenslauf, für immer die Tür zum allgemeinen Arbeitsmarkt zuschlägt. Doch genau dies ist eins der wichtigsten Förderziele der Werkstatt und trotzdem der Beginn eines Teufelskreises.

Die Werkstatt soll fähige Mitarbeiter auf den allgemeinen Arbeitsmarkt spülen, ist aber genau auf jene angewiesen, um selbst nicht unterzugehen. Um diesem Anspruch trotzdem gerecht zu werden, nehmen die Aufnahmekriterien z.T. absurde Formen an. Das geht soweit, dass psychisch kranke, verurteilte Mörder in Betracht gezogen werden, eingestellt zu werden, obgleich das Personal in den Werkstätten schon lange an der Belastungsgrenze steht. Betreuungsschlüssel (Indikator des Betreuungsaufwands; wird individuell vergeben) verkommen zur Lachnummer und müssen zum Teil ignoriert werden, da nicht vorhandene Platzkapazitäten trotzdem kontinuierlich erhöht werden sollen, weil kein Geld für neue Gebäude zur Verfügung steht. Die individuelle Förderung leidet dadurch natürlich immens und das Hauptaugenmerk verschiebt sich immer mehr in Richtung des reinen Arbeitsprozesses, zur Optimierung der Produktivität.
In diesem Punkt hat das Prinzip Behindertenwerkstatt sein Ziel vollends erfüllt, es hat sich den realen Arbeitsbedingungen rundweg angepasst, jedoch, nur zum Nachteil seiner Beschäftigten, denn Förderung und Integration geraten in den Hintergrund und so bleibt es schlussendlich doch, bei der Abschirmung von der Gesellschaft oder wahlweise einem Zoobesuch.

Robert Iwanetz

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