ap_47156_flage_de_22Die im Dunkeln sieht man nicht, hat Bertolt Brecht einst gesagt. Dieser Satz bezieht sich in der Dreirgroschenoper auf die erbärmlichen Zustände am Schauplatz dieses Theaterstücks. Man könnte aber auch anderst Parallelen ziehen. Das Theater, die Akteure, die Regisseure, der Drehbuchschreiber und alle anderen. Das Theater als Beispiel, oder meinetwegen, um nicht veraltet zu klingen, der Hollywoodfilm, bedeutet mehr als Idee und Umsetzung. Hinter einem Werk stecken nicht nur die Menschen die sichtbar sind, also jene die im Vordergrund stehen, sondern auch die Beteiligten, die ihre Arbeit im Hintergrund ausführen. Diejenigen die nicht im Scheinwerferlicht auf der Bühne tönen. Dirigiert vom Produzenten, bezahlt von der Produktionsfirma und angelernt von denen, die vor ihnen im Dunkeln agierten. Wochenlange Arbeit, für einen verhältnismäßig geringen Lohn, im Vergleich zu der Rolle des Helden, des Bösewichts oder die, der wunderschönen Geliebten. Am Ende des klassischen Hollywoodstreifens wird die Prinzessin vom Ritter in der imaginären weißen Rüstung vor den Fängen des Schreckens errettet. Happy End. Und alle anderen Standen wieder nicht im Schweinwerferlicht. Auch nicht bei der Standing Ovations, wie es Neudeutsch so schön heißt. Auch wenn sie es vielleicht genau so verdient hätten. Doch diese Menschen akzeptieren ihre Rolle. Zur Bewahrung des Friedens und dem glimpflichen Ablauf des Projekts. Und so ist es nicht nur im Theater oder dem London von damals sondern auch in der Gesellschaft von heute, hier in Deutschland. Und es ist sogar weitaus ernster als eine Diskussion über Applaus.

Die, sollte dies auch noch so widersprüchlich klingen, im Vordergrund dirigieren, halten die Fäden in der Hand und schalten und walten wie der Schachspieler, der seine Bauern zu Gunsten der Königin opfert. Und das meist völlig ungeniert. Einen nach dem anderen, mit einer angeblich ausgeklügelten Taktik, welche jedoch nicht zwangsweise zum Erfolg führt, zumindest nicht für jene die Erfolg benötigen. Schachmatt, und das wars. Für die Bauern versinkt alles in Schutt und Asche. Und der Spieler verlor lediglich Zeit und vielleicht Geld. Aber existentiell, unwichtig.

Die im Dunkeln sieht man nicht. Welch einfacher Satz und doch so übertragbar in das traurige Schauspiel, dass sich dem neutralen Beobachter der Neuzeit bietet. Industrialisierung, Globalisierung, Mechanisierung, Versklavung. Der Zyklus der Moderne. Da man die Menschen im Dunkeln nicht sieht, oder besser, nicht beachtet, wundert es den, der zumindest im Ansatz klaren Verstandes ist doch sehr, dass man das kleine schwarz-rot-goldene Fleckchen überhaupt noch auf dem Globus findet. Oder zur Verdeutlichung, dass man die Menschen der heutigen Zeit, die Deutschen der heutigen Zeit überhaupt noch wahrnimmt. Das Land der Dichter und Denker soll es einst gewesen sein? Einst. Heute befindet man sich vor unüberwindbaren Hindernissen, stellt man den Durchschnittsbürger vor vergangene Tatsachen. Es klingt absurd, sich nur annährend den Themen Kultur, Politik oder Geschichte zu widmen. Denn wieviele Menschen und vor allem, wieviele Jugendliche können heute noch die Namen Schiller oder Goethe zuordnen. Wer war Willy Brandt? Wann viel die Berliner Mauer? Das Denken hat an Einfluss verloren. Nicht nur in diesem Bereich.

Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, die gesteuert wird. Und das Schlimmste daran ist, sie lassen sich nur zu gerne steuern. Denn wo einst die Glocke geschrieben wurde, die Mauer fiel und Terrorgruppen mit anarchistischer Motivation das aggressiv-politische Bild der Zeit prägten, bleibt heute keine Zeit mehr für Autonomie oder Kritik an der Machtverteilung. Infragestellung von vorgesetzten Werten und Normen, undenkbar, Patriotismus, nicht existent, und wenn jemand rebelliert dann lediglich vereinzelte Gruppen, aber nicht im Sinne eines Studentenaufstandes oder dem Drang aus der DDR.

Weit gefehehlt, denn die Basis hierzu: Charaktere werden vorgefertigt und jeder darf einen wählen. Die Optionen sind breit gefächert. Hier einige Beispiele: Emos, Krocha, Raver, Metaller, Punker, Bollos, Gangsta, Rocker, Neonazis, Punker und so weiter und so weiter. Und eben weil eine jeweillige Charkterform vorgefertigt ist, kann man nicht mehr von Rebellion gegen Elternhaus und bestehende Vorschriften sprechen. Die Gruppen bilden sich nicht aus etwas heraus, sondern sind bereits vorhanden und bedeuten somit nicht Protest sondern Anpassung. Denn eben diese Institutionen die eigentlich bestreikt werden sollen, sind nicht selten Initiator (was ich zu einem späteren Zeitpunkt nocheinmal aufgreifen werde)  ,,Der freien Auswahl mit Eingrenzung“ und somit eine Art schlechter Messias, auf dessen Fels blinde Jünger ihre Kirche bauen.

Früher wurde man zwangsweise, nach einer Art Prinzip des Kastenwesens in gewisse soziale und gesellschaftliche Schichten bzw Gruppierungen hineingeboren oder fühlte sich ihnen aufgrund seiner persönlichen, individuellen Lebensphilosophie verbunden. Heute reicht lediglich die passende Frisur. Und die nötigen Trends werden allgegenwärtig propagiert um das minderkomplexe Konstrukt des unterwürfigen blinden Menschen zu erschaffen. Und man findet reichlich gehör. Die Menschen schließen sich immer stärker Gruppen an, nicht aufgrund von Motiven oder bestehenden Grundsätzen, sondern um nicht mehr alleine sondern zumindest in der Gruppe im Dunkeln zu stehen. Denn die im Dunkeln sieht man nicht, schon gar nicht wenn sie da alleine rumstehen. Ein Teil des modernen Gesellschaftsverständnisses und gleichzeitig ihr Tumor im Gehirn.

Auszug aus der Rohfassung „Land der Dichter und Henker“, Kapitel 1.

Benjamin Krischke

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