nick_drakeEs gibt diese Menschen die in eine falsche Zeit geboren zu seien scheinen. Die an ihr scheitern, zerbrechen. Der britische Sänger Nick Drake ist einer von ihnen.

„Wenn man ihn sah, hatte man stets das traurige Gefühl, dass er ins falsche Jahrhundert geboren wurde“ sagte Drakes Freund und musikalischer Wegbegleiter Robert Kirby über den sensiblen, introvertierten Poeten. „Wenn er im 17. Jahrhundert am Hofe Elisabeths gelebt hätte wäre es ihm gut gegangen. Er war elegant, ehrlich, ein verlorener Romantiker – und gleichzeitig so cool. Kurz gesagt: perfekt für jene Zeit.“
Doch Drake wird geboren am 19. Juni 1948. Heute vor genau 60 Jahren in Rangun, der Hauptstadt des damaligen Burma. Sein Vater, Rodney Drake, ist ein gutaussehender englischer Gentleman, der für eine Holzfirma um die Welt reist, seine Mutter Molly eine talentierte Sängerin. Und auch der Sohn beginnt früh musikalisches sowie poetisches Gespür zu zeigen. Als Junge, mittlerweile im englischen Arden zuhause, hört er begeistert klassische Musik, er lernt Klavier, ist fasziniert von den Mythen und Legenden der klassischen Literatur.
Auf dem Internat in Marlborough schreibt der junge Drake seine ersten Songs. Inspiriert von Joni Mitchell und Bob Dylan verbringt er lange Nächte allein mit seiner Gitarre. In stiller Klausur entwickelt er den melancholischen Themenkanon der sein kurzes Schaffen prägen wird: Verlust, Einsamkeit, Liebe, Entfremdung.
Zum jungen Mann gereift nimmt der 20jährige in Cambridge das Studium der englischen Literatur auf. Kommilitonen gilt er als Träumer der sich isoliert und Kontakte scheut. Lange dunkle Locken fallen ihm ins sanfte Gesicht. Ein hauchdünner schwarzer Schleier scheint über seinen tiefgründigen dunklen Augen zu liegen. Elegant bewegt er sich mit schlanker Gestalt ohne eitel oder gestelzt zu wirken. Denn materielle Dinge haben für den Feingeist keine Bedeutung. Vielmehr Phantasie, Poesie und Musik: Gitarre und Gesang.
Bei einem seiner raren Konzerte wird der junge Musiker von Ashley Tiger von Fairpoint Convention entdeckt. Drake bekommt sofort einen Plattenvertrag und geht mit seinem Freund
Robert Kirby ins Tonstudio um sein Debütalbum Five Leaves Left aufzunehmen. Das Ergebnis sind zehn minimalistische Songs: spärlich arrangiert, oft nur von Drakes traumwandlerischem Gitarrenspiel getragen, über denen eine Stimme schwebt, die, melancholisch schwer doch leichtfüßig hoffnungsvoll zugleich, tief berührt. Die hoch poetischen, teilweise kryptisch chiffrierten Texte zeigen bereits tiefe Risse in der sensiblen Seele des Sängers:

Safe in the womb Of an everlasting night /You find that darkness can Give the brightest light Safe in your place deep in the earth/ That’s when you know what you’re really worth

Todessehnsucht und Vergänglichkeitsbewusstsein tropfen fast barock aus diesen Zeilen des Liedes „Fruit Tree“.
Die Kritik feiert das brillante Songwriting des Albums, doch unerwartet bleibt der kommerzielle Erfolg aus. Auf Konzerten ist Nick Drake in sich gekehrt, fast apathisch. Er vermeidet den Blickkontakt zum Publikum, wirkt seltsam abwesend und zieht sich folgerichtig nach wenigen Auftritten erneut ins Studio zurück um am zweiten Album Bryter Later zu arbeiten. Zur Seite stehen ihm diesmal die Musiker von Fairpoint Convention und John Cale, der gerade mit Andy Warhols Popexperiment Velvet Underground für Furore sorgt. Das Album ist üppiger orchestriert, und zugänglicher als sein Vorgänger, doch bleiben der melancholische Grundton und die poetische Außergewöhnlichkeit Drakes erhalten. Dabei sind Zeilen wie die Folgende voll von Entfremdung und Menschenscheu.

What will happen in the morning when the world gets so crowded
that you can’t look out the window

Aber auch Bryter Later, veröffentlicht 1970, bleibt hinter den kommerziellen Erwartungen zurück. Nick Drake kriecht immer tiefer in die Höhle seiner Psyche. Er verfällt in eine tiefe Depression. In einem letzten Kraftakt spielt er sein drittes Album Pink Moon innerhalb von 48 Stunden ein. Nur der Sänger, seine Gitarre und wenige spärliche Klaviertöne sind zu hören. Allen Ballastes entledigt klingt Drake rein und klar, doch auch düster und unheilsschwanger wie die dunkle Ruhe vor einem langen, kühlen Regen. Der Titel Pink Moon, Sonnenfinsternis, symbolisiert Unheil, Verdunklung, Sterben von Hoffnung, und resignierend klingen die Worte aus dem gleichnamigen Lied:

Saw it written and I saw it say, Pink moon is on its way
And none of you stand so tall ,Pink moon gonna get ye all

Nick Drake verirrt sich immer tiefer im tristen Labyrinth der Depression. Auch der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kann ihm nicht Helfen. „I can’t think of words. I feel no emotion about anything. I don’t want to laugh or cry. I’m numb-dead inside.“ klagt er vor seinem Vertrauten John Wood. Im November 1974 stirbt Nick Drake 26jährig in seinem Elternhaus an einer Überdosis Antidepressiva.
Der Rolling Stone listet alle seiner drei Alben unter den 500 wichtigsten aller Zeiten, und lauscht man der erhabenen Magie und sanften Poetik von Songs wie Pink Moon oder Fly, erkennt man die Bedeutung der Melancholie: Das Schöne im Traurigen.

Tobias Tzschaschel

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