ap_47156_flage_de_21Demokratie. Aus dem griechischen stammend bedeutet demos kratia, die Herrschaft des Volkes. Das Schema ist eigentlich völlig simpel. Es gibt mehrere Optionen und die Mehrheit entscheidet. Eine gerechtfertigte Entscheidung über den Verlauf ihrer Zukunft, und die der anderen, den die Mehrheit regiert. Selbstbestimmung, zur Vermeidung der Diktatur, in allen Fragen und Themen. Das dritte Reich immer noch im Hinterkopf. Die Schönheit der Abstimmung und die Säulen und gleichzeitig die Route zum Prinzip unseres Landes. Zumindest wenn man sich seinen Platz im Bundestag sichert. Oder, was sich in den letzten Jahren als durchaus produktiv erwiesen hat, ist die Option eines jeden Managers oder Firmenchefs, schlicht und einfach einen Politiker in den Aufsichtsrat zu involvieren. So stellen diese Wirtschafts- und Industriegurus sicher, dass die demokratischen Interessen der deutschen Bürger im Interesse der Firmen vertreten werden. Ein einfaches Schema, was durchaus erfolgversprechend ist. Wie der Stern berichtete, gibt es da doch so einige Kandidaten. Beispielsweise Heinz Riesenhuber von der CDU, der neben seiner Tätigkeit als Politiker 19 Nebenjobs besaß u.a. im Aufsichtrat von Vodafone und Altana tätig. Friedrich Merz, CDU, tätig in 7 Aufsichträten unter anderem in dem der Allianz-Versicherung. Und das wohl beste Beispiel und die Personalisierung des Kapitalismus, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach dem peinlichen Auftritt in der Elefantenrunde und seinem Aus in der Politik fand er seinen Platz: Im Vorstand des deutsch-russischen Konsortiums Nordeuropäischer Gaspipeline. Bereits während seiner Amtszeit als Bundeskanzler war der gute Draht zu Moskau und eine enge Verbindung zum russischen Hintergrundsdiktator Vladimir Putin, eines seiner Markenzeichen. Unter dem Vorwand der deutsch- russischen Freundschaft, sicherte er sich wohl damals schon für die Zukunft ab. Und das auch noch reichlich. Als Vorsitzender verdient der EX-Kanzler 250.000 Euro pro Jahr (Quelle: Manager-Magazin.de)
Ein Bundestagsabgeordneter in höherer Position verdient, ganz nebenbei erwähnt, etwa 7000 Euro Brutto pro Vortrag, den er wo auch immer hält. Addiert man dann Gehalt 1, Diäten, Gehalt 2, extra Zahlungen und Aktienbesitz kommt man zum Ergebnis:
,,Beiße nie die Hand, die dich füttert“ und wenn, dann wähle die, die sich nicht wehren kann. Denn vorallem unsere ,,demokratischen Führer“, wissen was Darwins ,,Surviving of the fittest“ bedeutet. Und unser Rechtsverständiss ist das Opfer.

Doch die Problematik greift natürlich auch noch weiter um sich. Und wieder geht es um Politik: Firmenpolitik. Ein Wirtschaftssystem stützt sich immer auf das Ziel der Gewinnmaximierung. Das Triebobjekt der Firmenchefs. Und um seine Triebe zu befriedigen greift die Triebsteuerung. Die sogenannte Umstrukturierung. Übersetzt man jedoch das Wirtschaftskauderwelsch in die Sprache der einfachen Bürger so heißt Umstrukturierung nichts anderes als das eliminieren von Arbeitsplätzen und Gewinnmaximierung, ,,Wir machen zwar jedes Jahr Milliarden, aber es könnte durchaus noch etwas mehr sein, also Sparmaßnahmen‘‘, und was heißt Sparmaßnahmen?
Richtig. Verlust von Arbeitsplätzen durch Stellenabbau oder Firmenverlagerung oder -fusion. Beipspielsweise Nokia, die aufgrund von Sparmaßnahmen ins Ausland gingen waren verantwortlich für den Verlust von 2300 Arbeitsstellen oder die Abschaffung von Stellen mit zwecks Umstrukturierung um Qualität zu maximieren. Qualität durch Rückschritt? Seltsame Strategie, überlegt da der gesunde Menschenverstand. Beispielsweise die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung). Dort, tief im Westen, wo die Sonne verstaubt. Herbert Grönemeyer hat es schon vor Jahren erkannt.

Folgende Situation: Im Zuge der Internetrevolution, in der sogar Programme wie Wikipedia den Brockhaus überholen, der als Folge 50 Millionen Euro rote Zahlen schreibt und dem Social Media, als stellenweise stark qualitäts mindernde journalistische Instanz, sind natürlich Folgen zu erwarten. So sind die Zahlen von Zeitungsabonnements in den letzten Jahren drastisch gesunken und das Interesse am Lesen selbst leidet und deshalb müssen Entlassungen vorgenommen werden, eine Art präventiver Erstschlag.

Was passiert jetzt am BeispielWAZ?
Von 900 Redakteuren werden 300 entlassen und das in Zeiten in denen die Medien angeblich mächtiger sind als je zuvor. Im Interview mit einem der dortigen Verantwortlichen, der seines Erachtens nach durchaus betrübt über die Situation sei, wird gespielte Anteilnahme vermittelt. Mit der Begründung, er sei doch Familienvater und mit christlichen Werten aufgewachsen und würde niemals ohne driftigen Grund gegen sein soziales Grundverständiss verstoßen, versucht sich der Herr im Anzug aus der Situation vom Täter zum Opfer zu manövrieren. Da stellt sich natürlich die Frage, was verdient das Management bei der WAZ und was trug es dazu bei, dass diese Zeitung so dasteht, wie es jetzt Folgen hat? Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit als ein radikaler Stellenabbau, zumal wir uns ja in einer antiradikalen Gesellschaft bewegen? Wir werden es wohl nie Erfahren. Warum keine anderen Lösungen entwickeln? Man darf schließlich nicht vergessen die Gatekeepingposition zu halten und man darf auch nicht vergessen welche Rolle man in einer Demokratie eigentlich einnimt und wie umfangreich gute Berichterstattung sein muss. Ganz einfach. Weil Stellenabbau zum schnellsten Erfolg führt und die schwarzen Zahlen Sprudeln nur noch so aus der Quelle der Sünde. Und bezüglich der Qualität. Die Qualität ist einer der Punkte die dieser Interviewpartner als positives Resumee aus einem Stellenabbau zieht. Sie steigt nämlich, wenn die Zahl der Redakteure sinkt, meint er. Wie auch immer.

Die Problematik liegt aber auch hier wiederum in dem Effekt des Arbeitsplatzabbaus an sich. Und das Wort Qualität bildet eigentlich auch nicht die Grundlage, die einen positiv stimmt.Die Definition des Gatekeepings lautet wie folgt: ,,Als Schleusenwärter oder auch Gatekeeper bezeichnet man in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft metaphorisch einen (meist personellen) Einflussfaktor, der darüber entscheiden kann, welche Nachricht in den Massenmedien erscheint. Es ist ein Begriff aus der Nachrichtenforschung. Hier ist auch der Begriff Two-step-flow of Communication („Zwei-Stufen-Fluss der Kommunikation“) gebräuchlich.“ Man meint also mit Gatekeeping die Weitervermittlung von Informationen unter vorausgehendem Auswahlverfahren. Journalisten nehmen die Rolle des Senders von Nachrichten an den Empfänger ein. Abgesehen von vereinzelten umstrittenen Zeitungen oder Medienanstalten, bildet dieses Gatekeeping gekoppelt mit einer nicht-zensur und der breitgefächerte Auswahl der News der Grundstein für eine nicht-diktatorisches Machtverhältnis innerhalb eines Landes. Je mehr Journalisten und Medien es gibt, desto geringer ist die Chance eines Demokratieabbaus in einem Staat. Denn schon immer war Medienschwund und Medienzensur ein Zeichen für alles andere als eine Herrschaft des Volkes. Je mehr Berichterstattung es gibt, desto größer und je weniger, desto geringer ist der Informationsfluss. Das Gatekeeping verliert an Bedeutung. Je schwächer und einseitiger das Gatekeeping, desto weniger Demokratie. Und somit wird das einst von den Medien kritisierte Verhalten der Manager, in Bezug auf Stellenabbau, von den eigenen Managern ebenso betrieben. Die Instanz der Kritik und Überwachung wird geringer, aber die Fehlentscheidungen und Morallosigkeit der Unternehmen wächst, alles auf Kosten der Arbeitnehmer, egal ob Journalist oder nicht.

Ein kleiner wissenschaftlicher Exkurs: Das größte Problem eines entlassenen Managers ist kein finanzielles, sondern ein symbolisches. Der Verlust des Firmenwagens als Potenzsymbol. Da würden sich wohl die meisten Opfer von Massenentlassungen durchaus fröhlich zeigen, wenn das ihr einziges Problem wäre. Die Kluft zwischen Chefetage und Drehbank ist zu groß um sie mit vereinzelten kleinen Brücken überwinden zu können. Denn die Schlucht wird deshalb auch nicht schmaler und der Effekt beim ungebremsten Aufprall auf dem Boden der Realität bleibt der gleiche. Kündigung! Das schmerzt jeden der seine Energie in eine Firma gesteckt und sie mit aufgebaut hat. Das der eigentliche Erfolg eines Unternehmens vor allem an der Anstrengung der Mitarbeiter liegt, wird in der Welt des Kapitalismus nicht beachtet, geschweige denn angemessen gewürdigt. Der eine profitiert, der andere verliert. Willkommen im Sozialstaat.

Auszug aus der Rohfassung “Land der Dichter und Henker”, Kapitel 2.

Benjamin Krischke

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