istanbulSturzbachartig fließt das Regenwasser das brüchige Kopfsteinpflaster herab, sammelt sich in dreckgeschwängerten, tiefschwarzen Pfützen. Verstohlen schleichen gespenstische Strassenkatzen um einen bestialisch stinkenden Müllhaufen. Fauchen, buckeln, fliehen verschreckt in die Nacht.

Von einer schweren Schicht Trübsal scheint das winterliche Istanbul überzogen. Die spärlichen Passanten verkriechen sich unter der Geborgenheit dunkler Regenschirme, ziehen Kapuzen ins Gesicht, vermummen sich hastend. Vergeblich kämpft das aggressive Rot einer Flagge mit Stern und Sichel gegen die kühle Brutalität des stürmischen Windes. Trostlos liegt das sonst so lebhafte Wohnviertel Beyoglu, Heimat der Linken und Künstler rund um den sich eindrucksvoll erhebenden Galataturm.

Ich folge also den Sturzbächen des Regenwassers die sich die steilen Gassen herab zum Herzen der Stadt kämpfen: Dem Bosporus. Beängstigend wild preschen die Wellen des Flusses gegen die Kaimauern: tösend, verschluckend, kaltblütig. Einige kleine Fischerboote tanzen rastlos auf den Wogen, schwanken, taumeln wie besoffen. Am gegenüberliegenden Ufer aber erhebt sich ruhig und majestätisch die Altstadt von Byzanz, von Konstantinopel, von Istanbul. Spärlich beleuchtet ragen die Minarette der blauen Moschee und der Hagia Sofia in den Himmel, der schwarz wie das Innere eines Kanonenrohres über allem thront. Wie entrückt, wie von einem alten Kupferstich aus einem Märchenbuch wirkt dieser Anblick. So krass ist der Gegensatz zur schmerzhaft unmittelbaren Kälte der engen verregneten Gassen.

Nasse Schritte führen mich auf die Galatabrücke. Wo tagsüber zahlreich Fischer ihre Angeln ins Flusswasser baumeln lassen ist jetzt keine Menschenseele. Salzig, fischig schlägt mir eine Gischtbrise ins Gesicht. Ich atme tief ein, beuge mich langsam über das Geländer, zünde mir eine Camel an und blicke in die tobende Schwärze unter mir. Das also ist die Bedeutung von Hüzün. Das also meinen die Istanbuler mit ihrem eigenen Begriff von Schwermut und Melancholie. Hüzün: Ein einsamer Blick in die rauschenden Bosporuswellen an einem eisigen Wintertag, Hüzün: Ein Maroniverkäufer zwischen seiner dampfenden Ware, unter dem Schirm seines Bauchladens vor dem Regen geschützt der unbarmherzig niederprasselt, Hüzün: Ein zerzauster Straßenköter der jaulend Schutz sucht unter der Markise eines Neonbeleuchteten Elektrogeschäfts.

Durchnässt doch seltsam melancholisch beschwingt mache ich mich auf den Heimweg. Aus dem Fenster eines schmalen Altbaus dringen die Schwermütigen Klänge der Musik Sezen Aksus. Mit schneidend klarer, schmerzbeladener Stimme singt sie Lieder über Sehnsucht und vergangene Liebe, fängt sie den einzigartigen Istanbuler Hüzün in allen Nuancen ein. Immer noch regnet es. Seit Tagen? Seit Wochen? Vor meinem Hauseingang steht in einer dunklen Nische ein alter, verrosteter Cadillac. Die Reifen sind platt, die Farbe ist abgeblättert. Trotzdem umweht ihn ein Hauch elegischer Eleganz – Wie Istanbul selbst. Ich öffne knarzend die Schwere Holztür, krame mich aus meiner Regenschweren Kapuze und trete ins Haus. Im Treppenhaus riecht es nach Katzenpisse…..

Tobias Tzschaschel

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