ap_33517_disco_2Die Tanzfläche im Harry Klein Club ist zum Bersten gefüllt. Aus den Boxen dröhnt groovender Minimal-Electro. Die Bässe vibrieren in der Magengrube, der Körper ist gefangen in den psychedelischen Tiefen des hypnotischen Sounds. Eine rhythmisch wogende Masse bewegt sich ausgelassen, wie in Trance. Die Wände des Technotempels im Münchener Optimolgelände sind bespannt mit überdimensionalen Leinwänden, über die im Takt der Musik Bilder flirren. Eine Bauchtänzerin aus einem Schwarz-Weiß Film der 20er Jahre räkelt sich hinter grün-rot fluoreszierenden, abstrakten Farbmustern. Ein neongelb verfremdetes Ufo setzt zur Landung an, hebt ab auf den harten Schlag einer Bassdrum.

Visuals statt Discolicht

Verantwortlich für diese visuelle Live-Interpretation elektronischer Musik sind VJs: Visual  Jockeys. Mit Hilfe von Videomischern, Computerprogrammen, Kameras und Samplern produzieren sie in Echtzeit parallele Bildwelten zur Musik aus den Boxen. Selbstgefilmtes Material kommt dabei ebenso zum Einsatz wie Fetzen aus alten B-Filmen, selbstgemaltes Bildmaterial wird ebenso verwendet wie computeranimierte Sequenzen. Dabei reagieren die VJs unmittelbar auf Raumsituation, Ambiente und Publikum. Das Harry Klein gilt in der Münchener Szene als traditionsreichster Förderer dieser relativ jungen Kulturpraktik. „Wir verzichten auf das konventionelle Diskothekenlicht, auf Scanner und Lichteffekte“, sagt David Süß, der Geschäftsführer. „Wir machen das alles mit Video und Visuals.“  Genau das schätzen die bis zu 300 Partygäste in dem 2003 eröffneten Club: Eine sich bewegende Wand, die immer wieder etwas Neues zu zeigen hat, immer wieder überrascht.

Manuela Leu gestaltet häufig diese visuelle Wand im Harry Klein. Unter dem Pseudonym VJ Heiligenblut füttert sie Discogänger mit mundgerechten Delikatessen fürs Auge. „Ich mache sehr viel spontan“, erklärt sie ihre Arbeitsweise. „Ich höre, wie sich die Musik verändert, und verändere dementsprechend die Bilder.“  Bleibe die Musik beispielsweise stehen, so Heiligenblut, lasse auch sie ein Standbild stehen. Mit dieser Technik will die ehemalige Jurastudentin eine Umwelt schaffen, die für den Besucher denselben Stellenwert hat wie die Musik. „Abwechslung, gutes Entertainment, einfach, dass die Leute amüsiert sind.“ Diese Faktoren machen  für Manuela Leu gutes VJing aus, man müsse aber auch einen gewissen Anspruch haben an das, was man zeige, eine gewisse Tiefgründigkeit.

Elektronische Bild-und Klangforschung

Diese Tiefe des VJing wird an der Ludwig-Maximilians-Universität wissenschaftlich untersucht. Am Institut für Kunstpädagogik können Studenten seit dem Jahr 2000 In einem Medienlabor praktische Erfahrungen mit dieser Kunstform sammeln. Aus diesen Projektgruppen strömen immer wieder junge, talentierte VJs in die Münchener Szene.  Jana Gleitsmann beispielsweise hat so ihre Leidenschaft für das VJing entdeckt: „Ich mochte schon immer elektronische Musik und Clubs“,  erklärt sie. „Auf der anderen Seite habe ich viel gemalt und gezeichnet.“  Im Kurs sei sie dann gleich begeistert gewesen, zu sehen,  wie man diese beiden Dinge kreativ kombinieren könne. Und auch Tobias Grüntner ist über das Kursangebot an der LMU zum VJing gekommen: „Es ist schon klasse, hier von so alten Hasen lernen zu können“, schwärmt er. „Die haben so viel Erfahrung, so viel Wissen, so viele Connections.“ Diese „alten Hasen“ sind Peter Becker, alias VJ Autopilot  und Daniel Botz, alias VJ Robotzki. Beide sind als VJ-Team HighFlyer  in den Münchener Clubs präsent und  beschäftigen sich schon seit Mitte der 90er mit Visuals als Kunstform. Damals entwickelten sie das Konzept der elektronischen Bild- und Klangforschung. Die befasst sich mit der Frage nach dem optimalen Bild zum gegebenen Raum und Zeitpunkt, aber  auch mit der Einordnung des VJing in einen kulturhistorischen Kontext. „In den Sixties kommt es zu einer ungemeinen Explosion“, erläutert Becker. „Es kommt zu Synergien zwischen Politik, Mode, Musik und Kunst. In diesem Zusammenhang entsteht die psychedelische Kultur und ihr psychedelischer Raum, den die Visuals bespielen.“ Die Lasershows von Pink Floyd also als Grundlage der heutigen VJ-Kultur; denn, so Becker, dieses Konzept der assoziativ abstrakten, multimedial visuellen Gestaltung sei dann Mitte der  90er wieder aufgetaucht mit Rave und Techno.

Daniel Botz dagegen sieht die Wurzeln des VJing  woanders:  „Das, was die Rap-DJs in den 80ern mit Manipulationen an Tonträgern gemacht haben, haben analog dann auch Videokünstler umgesetzt“, konstatiert Botz. „Ich fand es ungemein faszinierend, wie Videomaterial wirkt, das völlig aus seinem Zusammenhang gerissen und in einen neuen Zusammenhang geworfen wurde.“  Eine komplett neuartige Collage entsteht so aus der Transformation bereits vorhandenen Materials. Außerdem, so Botz, sei die Videokunst ein Vater des VJing  gewesen. Sie habe den Film aus den Kinos geholt und auf die Architektur gerichtet, ihn als Möbel verwendet, bewegte Fassaden und bewegte Innenräume geschaffen.

Klein aber fein: Die Münchener VJ-Szene

Dennoch unterscheiden sich Visuals im Club essenziell von der Videokunst in den Galerien. „VJing ist eine Livekultur“, sagt Becker. „Sie ist gebunden an Orte, an Clubs, an Jugendkultur.“ Diese starke Ortsgebundenheit ist auch ein Grund dafür, dass sich eher abgegrenzte innerstädtische VJ-Szenen herausbilden, als eine, in starkem Austausch stehende, internationale Szene. Tokyo kann als Avantgarde-Stadt Nummer 1 bezeichnet werden, Großbritannien hat eine lebhafte, moderne Szene, in Wien und Berlin tut sich Einiges, aber auch München muss keinen Vergleich scheuen. Neben dem Harry Klein setzen vor allem die Registratur und das 8Seasons auf die Arbeit von VJs. Das Digital-Analog Festival versammelt jedes Jahr im Gasteig hochinteressante visuelle Künstler, in der Uni-Lounge am Geschwister-Scholl-Platz sind regelmäßig Arbeiten der VJ-Studenten zu sehen und mit Peter Becker, Daniel Botz, aber auch VJ Heiligenblut und anderen sind echte Pioniere des VJing in München aktiv.

6 Uhr morgens ist es mittlerweile im Harry Klein. Draußen wird es schon langsam hell. Nur ein paar Vereinzelte, Unermüdliche bewegen sich noch auf der Tanzfläche. Die Bilder auf der Leinwand passen sich dieser Stimmung an. Peter Becker weiß: „Was im Club nachts um 12 funktioniert, kann um 6 Uhr morgens zerstören. Man muss auch die Visuals langsam runterfahren.“  Nur noch eine Discokugel dreht sich jetzt langsam auf den Leinwänden. Die wild rotierenden, abstrakten Farbmuster sind verschwunden, beruhigend wirkt dieses Ende einer langen Clubnacht. Die letzten Besucher verlassen das Gebäude und blinzeln ins noch schummrige Tageslicht.

Tobias Tzschaschel

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