ap_50679_frauenkirche_2_2München, die Isarmetropole, die Hochkultur-Hochburg, das Lebensstandard-Mekka, gespickt mit atemberaubenden Prachtbauten, bewohnt von den Schönsten und Reichsten, ist auch Hauptstadt des scheinbar so schnöden, schmutzigen Boulevardjournalismus. Wieso aber kleiden sich Klatsch und Tratsch so gerne in Lederhosen und Dirndl? Wieso campiert die Sensationsgier am Isarufer? Woher die Leidenschaft der Münchener für gesellschaftliche Weißwurscht-Zuzelei?

Die Ratschkathl

Suchen wir in den wunderbaren Wirrungen der bayerischen Mundart, stoßen wir auf eine fast mythologische Figur des Münchener Welttheaters: Die Ratschkathl. Sie darf getrost als Urmutter der Münchener Klatschpresse angesehen werden. Ein sensationsgieriges Wesen ist sie, die Ratschkathl. Ihr Lebensraum ist die Metzgerei um die Ecke, der Viktualienmarkt, der Friseursalon. Lüstern stürzt sie sich auf pikante Neuigkeiten  und macht jede Hoibe Bier zu einem ganzen Fass, wobei sie sich komplizierte Knoten in die Zunge schwätzt. Doch kann man die Ratschkathl, oder ihr männliches Äquivalent, die Quadratratschen, tatsächlich alleinig verantwortlich machen für Zeilen über aufsehenerregende Blondierungen in Bastian Schweinsteigers Haarspitzen?

Mit Sicherheit nicht. Eine entscheidende Rolle spielen die ganz besonderen demographischen Gegebenheiten in der  weiß-blau beflaggten Landeshauptstadt, die zum Boulevardjournalismus passen wie die Dunkelbiersoße zum Schweinebraten. München schäumt champagnergleich über vor Promis, Sex und Verbrechen – den Lieblingsthemen der skandalsüchtigen Klatschpresse.

Promis, Sex, Verbrechen – Münchens schäumender Boulevardcocktail

Lässig schlürfen sie Latte Macchiato auf der Maximilianstrasse, tätscheln sie den Chihuahua im Louis-Vuitton-Täschchen,  kutschieren sie das sektgoldene Porsche Cabriolet über die Leopoldstraße. Auf den Münchener Boulevards flanieren und parlieren so viele Stars und Sternchen,  dass der Normalbayer gar Obacht geben muss, ihnen nicht auf die frisch pedikürten Prominentenfüße zu treten. Wenn also Oliver Kahn, seine Geliebte busserlnd, an der frischgeschiedenen Veronica Ferres vorbei ins P1 stolziert, muss es zwangsläufig blitzlichtgewittern.

Außerdem ist die einzigartige Luft In Deutschlands Singlehauptstadt  so pheromongeschwängert, so lustvoll sexgeladen, dass einfach überall freizügig g’schmust  und g’schäkert wird. In den verwirrten Journalistenköpfen müssen daher zwangsläufig Berichte über wildes Kopulieren und nackte Tatsachen umherschwirren wie Zitronenfalter an einem Frühlingsnachmittag im Biergarten.

Zu guter Letzt sind die Münchener Prachtstraßen von Giesing bis zum Westend, von Sendling bis Schwabing  ein ungeheuer heißes Pflaster. Was ist das für eine Stadt, in der Rudolph Mooshammer von einem Stricher mit einem Telefonkabel erdrosselt wird, in der juvenile U-Bahnschläger einen Rentner fast zu Tode prügeln, in der die Maß auf der Wies’n 7.90€ kostet?  Sicher soll München sein? Pah, von wegen!!! Schauen Sie doch in die Gazetten!

Ja mei!

Jede Stadt hat die Presse, die sie Verdient. Die in großen weißen Lettern von rotem Grund schreienden Boulevardblätter sind also nur ein Spiegelbild der Münchener Gesellschaft. Diese lechzt nach jedem Tropfen des Bieres eines Anderen, zuzelt wie besessen noch den letzten Rest aus der Weißwurschtpelle Privatsphäre und schuhplattlt mit Vorliebe auf den Angelegenheiten fremder Leute herum. Zu jeder Bagatelle gibt sie ihren süßen Senf ab und gleitet, Käfer-Delikatessen verspeisend,  an der Oberfläche der Dinge entlang. Damit konfrontiert sagt der Münchner aber nur: „Ja mei!“ Dann trinkt er genüsslich die perfekte Schaumkrone von seinem Weißbier und vertieft sich wieder in die Lektüre der Klatschspalte seines Vertrauens.

Tobias Tzschaschel

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