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,,VERÄNDERUNGEN GESCHEHEN NUNMAL NICHT VON HEUTE AUF MORGEN“

– Migranten zwischen Ausbildung, Moscheenbau und Roland Koch

Es gibt wohl kaum ein Thema, das in der deutschen Gesellschaft so für Brisanz sorgen kann wie die nie zu enden scheinende Diskussion über Integration. Auf der einen Seite befinden sich Gegner der Einwanderung und Migranten die immer noch nicht in unserer Gesellschaft angekommen sind. Auf der anderen Seite stehen jene die nicht taten- und wortlos dabei zusehen wollen, wie die multikulturelle Gesellschaft keine Fortschritte macht oder manchmal noch mehr, in der Gefahr steht dauerhaften Schaden zu nehmen. Im Gespräch mit Fuad Hamdan, seinerseits Leiter des Dritte Welt Zentrums München, gebürtiger Palästinenser und Förderer des jüdisch-palästinensischen Dialogs in der BRD sowie Initiator der Palästinenser-Tage in München, sind zumindest im Ansatz Antworten auf viele Fragen zu finden.

In einem kleinen Büro, im Eine Welt Haus München, stand der seit 40 Jahren in Deutschland lebende Palästinenser offen und kritisch Rede und Antwort. Eines wurde im Gespräch immer wieder deutlich. Das Wichtigste in einer multikulturellen Gesellschaft ist die Bildung. Doch wenn der Staat einer gelungenen Integration manchmal noch Hürden in den Weg legt, so stehen sich auch viele Migrantenfamilien selbst im Weg. Ghettoisierung und ein Rückzug in die Gesellschaft von Gleichgesinnten kann und darf, lauf Fuad Hamdan, keine Hindernisse setzen und so müssen Deutsche und Ausländer Hand in Hand ihr Bestes für dieses Land tun. Denn bei aller Kritik am deutschen System und allen Ungereimtheiten untereinander, bleibt eines klar. Deutschland ist nicht nur irgend ein Land, sondern gleichzeitig auch unser aller Heimat.

Interview Teil 1:

Wie würden sie den Begriff Integration aus ihrer Sicht definieren?

Integration ist aus meiner Sicht, ist die Teilhabe der Migranten an allen Ressourcen dieses Staates. Hinzu gehören z.B. Wohnung, Arbeit, Bildung und vieles mehr. Das Zweite wäre die Erwartung an die Migranten, dass sie sich bewusst für dieses Land entscheiden und endlich in diesem Land ankommen. Das heißt aber nicht, dass sie ihre Identität einfach ablegen müssen. Sie sollen sie sogar behalten da Identität, unabhängig von der genauen Kultur,  eine Bereicherung für eine multikulturelle Gesellschaft darstellt. Das Wichtigste ist der gemeinsame Nenner. Dazu gehört die deutsche Sprache, die neue Heimat Deutschland und der Wille sich in dieses Land einzubringen. Und wir wollen uns einbringen, zu Gunsten unserer Kinder die hier leben sollen und werden, aber auch bestehen müssen. Dazu gehört vor allem eine gute Ausbildung und eben die deutsche Sprache selbst.

Würden sie die Integration in Bayern, vor allem hier in der Stadt München im Vergleich zu anderen Bundesländern eher als einfach oder schwer beschreiben?

Hier in München ist Integration wohl eher einfach.  Man muss grundsätzlich aber ersteinmal zwischen München an sich und Bayern im Allgemeinen entscheiden. Bayern wird seit eh und je von der CSU regiert, jene Partei die bisher eigentlich nie ein Hehl daraus gemacht hat, dass sie von Integration nicht viel hält. Jedoch lernt auch eine CSU mit der Zeit dazu. Programme wurden umgeschrieben,  Aussagen revidiert und neue Töne angeschlagen.

Grundsätzlich arbeiten wir mit der Stadtregierung gut zusammen, da hier vor allem die Grünen sich das Thema Integration schon lange auf die Fahnen geschrieben haben. Wir haben in München außerdem ein neues Integrationskonzept von dem ich persönlich viel halte und das ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Wenn all die Punkte die in diesem Konzept umgesetzt werden, dann befinden wir uns auf einem sehr guten Weg wenn es um  Integration in München geht.

Was kann man denn, neben den Fortschritten im Stadtrat für weitere positive Effekte eines vorhandenen Integrationswillen, von beiden Seiten, erkennen?

Die bayerische Staatsregierung hat mittlerweile ein Verständnis dafür entwickelt, dass jene Menschen die als Einwanderer hier leben auch hier bleiben werden. Somit haben sie das Thema Integration für sich entdeckt und stellen auch zum Teil Mittel zur Verfügung um Prozesse die zu einer Eingliederung führen zu unterstützen. Beispielsweise hat jene Regierung vor zwei oder drei Jahren beschlossen, dass der Deutschunterricht für Kleinkinder während ihrer Kindergartenzeit ausgeweitet werden muss. Und auch wenn die Staatsregierung Ganztagsschulen  ablehnt, stellen sie doch nötige Mittel zur Verfügung, so dass freie Träger wie diese Einrichtung eine Mittags- und Hausaufgabenbetreuung der Kinder gewährleisten können. Somit unterstützt die Regierung Bayern uns als Ganztagsbetreuer.

Abgesehen von den positiven Effekten wie z.B. die Unterstützung durch eine Organisation wie die ihre.  Welche Probleme haben Migranten, in dieser Gesellschaft, auch heute noch?

Viele Probleme entstehen vor allem dadurch, dass sich viele Migranten häufig selbst im Weg stehen. Denn es gibt leider noch viele Familien, die bis heute nicht erkannt haben das nur eine gute Ausbildung das Weiterkommen ihrer Kinder garantieren kann. In deutschen Familien stellt das eher eine Ausnahme dar.  Für viele Migranten ist es schwer zu begreifen, dass man nicht ewig ein Underdog sein kann und sein muss. Denn wie ich selbst erlebt habe, kann man mit Bildung sehr viel erreichen. Ich selbst bin in einem Flüchtlingslager in Palästina aufgewachsen und obwohl mein Großvater Analphabet war, hat er erkannt das die einzige Alternative zu Elend und Armut, in der Bildung besteht. Er hat mir immer gesagt: Junge, lerne, lerne, lerne. Dein Haus kann man dir nehmen, dein Geld kann man dir nehmen und dein Land hat man dir genommen. Aber dein Wissen kann man dir nicht entreissen. Und genau das ist es auch, was ich versuche den Kindern und Familien in diesem Land zu vermitteln. Selbst wenn sie in beengten und ärmlichen Verhältnissen leben, haben sie trotzdem alle Optionen offen. Denn auch wenn in Deutschland nicht alles perfekt ist, leben wir im Vergleich zu anderen Ländern in sehr guten Verhältnissen. Denn letztendlich kann man alles aus sich machen, selbst wenn die Ausgangssituationen nicht immer die gleichen sind.

Natürlich haben es die Reichen in der Basis leichter als jene Menschen die in Hasenbergl oder Neuperlach wohnen. Es geht aber auch nicht um eine Beschönigung des Gesamtbildes sondern um eine Darlegung von Möglichkeiten. Ein Rechtsanwalt kann sein Kind in eine Privatschule schicken oder Nachhilfe finanzieren, die Armen können das nicht und deshalb müssen sie sich auch umso mehr anstrengen. Denn wir brauchen nicht nur Migranten die Döner oder Autos verkaufen sondern auch Ingenieure, Ärzte und Sozialarbeiter. Migranten die mithelfen dieses Land aufzubauen.

Sie haben eben angesprochen wo die Probleme bei den Migranten liegen, aber wo liegen denn die Probleme der Deutschen? Glauben sie beispielsweise, dass die stetige Berichterstattung über Naziaufmärsche und Rassismus sich an der Realität orientiert und somit das Thema Rassismus wirklich so extrem ist oder entspricht dieses Bild häufig doch nicht der Wahrheit und wird daher von den Medien extremisiert?

Dieses Thema wird definitiv übertrieben dargestellt. Es gibt diese Ewig-gestrigen sicherlich. Jene Menschen  gibt es  eigentlich überall, auch in Italien oder  in der USA. Aber diese Menschen dürfen uns nicht aufhalten, denn sie sind eine Minderheit die versucht Stimmung zu machen, aber im Endeffekt in der Gesellschaft nichts zu sagen hat. Wichtig ist, dass die Volksparteien nicht auf einen solchen Zug aufspringen. Es gab leider auch in der Vergangenheit der CSU / CDU häufig Situationen im Wahlkampf, in denen die Themen Einwanderung, Integration und Ausländerkriminalität als Stimmenfang missbraucht wurde. Es darf nicht sein, dass Migration in dem Maße thematisiert wird und auf Kosten der Ausländer Wahlen gewonnen werden wollen. Roland Koch beispielsweise hat in Hessen eine erfolgreiche Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft  geführt. Und vor etwa einem Jahr wurde ein Vorfall in der Münchener U-Bahn, wo ausländische Schläger einen Mann angegriffen haben, von Roland Koch in Hessen aufgegriffen um die dortigen Wahlen zu gewinnen, woran er glücklicherweise gescheitert ist. Dies war auch ein gutes Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung.

Das Problem an sich ist aber durchaus noch vorhanden, wenn man jetzt beispielsweise an die NPD  oder andere Organisationen denkt?

Natürlich. Es gibt unter anderem die Bewegung Pro.Köln und auch hier in München Gruppierungen die gegen die Muslime Stimmung machen, damit Hass säen und bestimmte Teile der Gesellschaft sind nunmal empfänglich für solche Dinge. Ich möchte das Thema nicht beschönigen aber auch nicht dramatisieren, sondern diese Gruppierungen so klein und unbedeutend  wie möglich halten. Das erreichen wir dadurch, dass wir gemeinsam Überzeugungsarbeit leisten.

Wenn man den anstehenden Moscheenbau in Sendling betrachtet, liegt die Umsetzung des Projekts nämlich nicht aufgrund von Rassismus auf Eis, sondern lediglich weil dem  Verein, der für den Bau zuständig ist, die finanziellen Mittel fehlen. Aber die Politik in München unterstützt den Bau, auch wenn die CSU  versucht die Umsetzung durch formale Hürden zu verzögern.

Wir sind noch lange nicht am Ziel angekommen. Vor allem dann nicht wenn die Einwanderer aus der islamischen Welt kommen, weil die Mehrheit der Bevölkerung ein Problem damit hat. Aber wenn man bedenkt, dass ich seit etwa 40 Jahren in Deutschland lebe, damals die Italiener das Objekt der Vorurteile waren und als Messerstecher und Spaghettifresser bezeichnet wurden. Dies hat sich geändert. Spaghetti und Pizza sind ja quasi die Nationalgerichte in Deutschland und Döner ist auf dem besten Weg diese  Gerichte zu verdrängen. Veränderungen geschehen nunmal nicht von heute auf morgen, aber wir sind auf einem guten Weg.

Sie haben eben den Moscheenbau in Sendling angesprochen bzw auch die Pro.Köln Initiative. Beispielsweise wäre der Bau eine christlichen Kirche in den arabischen Emiraten allerdings undenkbar. Man könnte eine Auflehnung gegen solche Vorhaben  auch als ein Wunsch zur Bewahrung der westlichen Welt  sehen. Ist ein Moscheenbau nun eine Basis für die Integration oder entsteht vielleicht auch die Förderung der Problematik des Rückzugs und der Gruppenbildung durch Moscheen?

Die Christen in Deutschland haben christliche Kirchen, die Juden in Deutschland haben Synagogen und wir haben nunmal Muslime in Deutschland und Europa, die wie nicht wegdenken können. Es sind etwa 25 mil. Muslime in Europa und etwa drei Millionen in Deutschland. Diese Menschen leben hier und manche von ihnen sind gläubig und wollen ihre Religion auch praktizieren. Integration und Religion ist kein Widerspruch. Natürlich gibt es Menschen die in ihrem Nischendasein leben wollen und nicht integriert werden wollen, aber dies hat nichts mit Integration oder Moscheenbau an sich, zu tun.

Wenn man einen Vergleich ansetzt zwischen dem Bau von Kirchen in Saudi Arabien nach dem Motto, dort darf man keine Kirchen bauen, also sollte man hier keine Moscheen bauen dürfen, dann führ t das zu einem Absinken des Niveaus in Deutschland. Wenn Deutschland auf dieses Niveau was Menschenrechte, Frauenrechte  und freie Religionsausübung betrifft, absinken würde, dann gute Nacht Deutschland. Denn das Recht auf freie Religionsausübung ist unter vielen im Grundgesetz fest verankert und Deutschland ist da durchaus einen Schritt weiter.

Anderst gesagt. München ist ursprünglich eine katholische Stadt und hatte große Probleme damit, dass damals im 19. Jahrhundert die evangelischen Christen aus dem Frankenland als Gastarbeiter nach München kamen und irgendwann ihre eigen Kirchen bauen wollten. Sie mussten also ihre Kirchen vor den Toren Münchens errichten. Heutzutage sind evangelische Kirchen in München eine Selbstverständlichkeit. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Moscheenbau nicht in irgendwelche Industriegebiete  verbandt wird. Und ich glaube das wird auch so sein.

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