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Philipp Schiebler (25) studiert Psychologie an der Ludwig-Maximilian-Universität. Außerdem leitet er seit Oktober 2007 den Polyamorie-Stammtisch in München. Ein Treffpunkt für Menschen die ganz offiziell Beziehungen zu mehreren Partnern führen. Ein Gespräch über Liebe, Eifersucht  und alternative Gesellschaftsmodelle.

Wie viele Beziehungen führen Sie im Moment?

Eine.

Würden Sie diese trotzdem als polyamor bezeichnen?

Ja, weil wir offen für weitere Partner sind.

Wie haben Sie dieses Gefühl erstmals bewusst gespürt?

Bevor ich mein Leben rein polyamor lebte,  gab es zwei Mal den Fall, dass ich in zwei Frauen gleichzeitig verliebt war. Das erste Mal entschied ich mich für eine von beiden, was emotional sehr anstrengend war. Beim zweiten Mal hingegen, blickte ich in mein Herz und merkte, dass die Gefühle zu beiden Frauen tiefergehend und richtig waren. Ab da dauerte es noch ein Jahr, bis ich quasi per Ausschlussverfahren alle anderen Alternativen ausgeschlossen hatte und feststellte: Ich liebe zwei Frauen gleichzeitig und sollte konsequenterweise auch dazu stehen.

Was macht eine polyamore Beziehung aus?

Offenheit und Ehrlichkeit. Man verheimlicht den Partnern nichts, außer es passiert im gegenseitigen Einverständnis. Ansonsten natürlich die Liebe. So gibt es polyamore Menschen die nur zu einer ihrer Beziehungen ein sexuelles Verhältnis besitzen, aber für alle Partner Liebe empfinden. Deshalb grenzt sich Polyamorie auch von der Hippie-Bewegung ab, weil der Begriff der „freien Liebe“ dort eher mit Sex assoziiert wurde. Deswegen gibt es auch einen neuen Ausdruck, um zu betonen, dass es um Emotionalität geht.

Wie verlief ihr  „Coming-Out“?

Es fiel mir schon ziemlich schwer den Menschen in meiner Umgebung davon zu erzählen. Aber die Resonanz war überwiegend positiv. Meine Familie und Freunde haben mich sofort unterstützt. Nur die beiden Frauen in die ich damals verliebt war, wollten nichts mehr mit mir zu tun haben.

Wie reagieren Frauen allgemein, wenn Sie ihnen ihre Lebensweise offenbaren?

Unterschiedlich. Wenn es sich um einen Flirt handelt, ist er meist an diesem Punkt zu Ende. Wenn es allerdings um ein freundschaftliches Verhältnis geht, funktioniert es ziemlich gut. Aber sobald eine gewisse Spannung in der Luft liegt, ist es eher abschreckend. Dann kommt sofort die Frage: Was ist das denn? Und es gibt viel Erklärungsnotstand.

Betreiben Sie den noch?

Immer weniger, weil ich merke dass es kaum etwas bringt. Ich sage dann wie ich fühle, aber wenn eine Frau von vornerein so wenig Offenheit mitbringt und sofort zumacht und mit ihren Klischees um sich wirft, macht es sowieso keinen Sinn.

Haben Sie schon mal die Erfahrung gemacht, dass Sie in einer laufenden Beziehung plötzlich nur noch die „zweite Geige“ spielten, also ein weiterer Partner dazu kam?

Ja, allerdings nur kurzfristig in einer Fernbeziehungs-Konstellation. Meine damalige Partnerin hatte Jemanden vor Ort kennen gelernt und dadurch war ich definitiv nur noch die Nummer zwei.

Wie reagierten Sie?

Mein erster Gedanke war: Was ist das für einer? Aber dann erzählte sie von ihm und zeigte mir ein Photo und ich begann ihn sympathisch zu finden. Dann war auf einmal alle Sorge weggeblasen und ich begann es gut zu finden, dass da irgendjemand war der sich um sie kümmerte, auch wenn ich nicht da sein konnte. Dadurch empfand ich das Gefühl sie zu teilen, überhaupt nicht als schlimm. Wobei es prinzipiell sicherlich in einer Fernbeziehung einfacher ist zu teilen. Aber insgesamt war es eine sehr positive Erfahrung.

Trotzdem dürfte Eifersucht ein zentrales Thema polyamorer Beziehungen sein, wie geht man damit um?

Es gibt da verschiedene Strategien. Generell ist Kommunikation das A und O. Jeder muss in der Lage sein, dass auszusprechen was er braucht und was er nicht braucht. Allerdings muss man differenzieren zwischen unbegründeter und essentieller Eifersucht. Ersteres umfasst die Angst vor Aufmerksamkeitsverlusten, wenn zum Beispiel ein neuer Partner ins Spiel kommt. Diese Art von Eifersucht kann man meist durch intensive Gespräche aus dem Weg räumen. Wenn es allerdings um das Wohl von Kindern geht, ist eine gewisse Eifersucht gar nicht schlecht, damit man das essentielle nicht aus den Augen verliert.

Funktioniert Polyamorie überhaupt mit Kindern?

Ich glaube schon. Ich sehe da auch Verbindungen zu sozialen Netzwerken von früher, wie zum Beispiel die Großfamilie. Dort haben sich auch mehrere Personen um die Kinder gekümmert. Solange genug Aufmerksamkeit und Liebe für die Kinder vorhanden ist, sehe ich darin grundsätzlich keinen Nachteil.

Eine Theorie besagt, dass Eifersucht dadurch entsteht, dass Kinder im normalen Familien-Schema Aufmerksamkeit und Liebe ständig teilen müssen. Dadurch wollen sie als Erwachsene monogam leben, weil sie ihren Partner völlig besitzen wollen. Im Umkehrschluss: Sind Kinder polyamorer Beziehung vor solch einem Denken gefeit?

Explizit würde ich der Theorie nicht zu stimmen. Aber unsere Gesellschaft fördert schon ein gewisses Besitzdenken, vom Prinzip „Du bist was du hast“. Unter diesem Aspekt liegt es nahe, dass man sogar einen anderen Menschen besitzen will und das daraus entstehende Gefühl von Sicherheit als positiv für eine Beziehung angesehen wird. Polyamorie bedeutet dagegen, dass man einen Menschen nicht komplett besitzen kann und seine Besitzansprüche immer zugunsten der Liebe einschränken sollte. Einfacher: In unserer Gesellschaft ist Liebe mit Besitz verbunden. In der Polyamorie dagegen, sind es Liebe und Freiheit.

Normale Beziehungen fordern bereits sehr viel Zeit und Engagement, ebenso wie der Job. Sind polyamore Beziehungen überhaupt im Alltag realisierbar?

Es kommt immer auf das Beziehungsgeflecht und dessen Ansprüche an. Es kann zum Beispiel sein, dass man unter einem Dach lebt und der logistische Aufwand dadurch sehr gering ist. Aber generell fordern polyamore Beziehung mehr Aufmerksamkeit, Zeit und Energie. Jemand sagte mal: „Polyamorie ist Luxus“ und in gewisser Hinsicht stimmt das auch. Machbar ist es dennoch definitiv.

Bleiben wir beim Alltag. Behandelt man dort alle Partner gleich?

Es gibt ein Konzept aus Amerika, dass polyamore Beziehungen in drei Ebenen einteilt. Dies beinhaltet, dass es drei Arten von Partnern gibt. Mit primären Partnern lebt man danach zusammen und es herrscht völlige Gleichberechtigung unter einander. Sekundäre Partner hingegen sind zwar immer noch wichtig, würden aber zum Beispiel beim Kinderwunsch nicht in Betracht gezogen werden. Und Tertiäre Partner sind eher flüchtigere Bekanntschaften. Man darf jedoch nicht vergessen, dass das Konzept nur eine grobe Orientierung bieten soll.

Empfindet man die gleichen Gefühle für primäre, sekundäre und tertiäre Partner?

Ich würde nach dieser Definition keine tertiären Beziehungen eingehen. Aber sobald ich mich dazu entschließe mit Jemandem eine Beziehung einzugehen, habe ich auch Gefühle für ihn. Selbst wenn ich mit dem primären Partner mehr Zeit verbringen sollte, ist es zu allen Liebe. Und Liebe lässt sich sowieso nicht vergleichen, man liebt einfach jeden Menschen anders.

Böse Zungen könnten allerdings behaupten, es ist schlicht die beste Legitimation zum fremdgehen.

Meine Erfahrung zeigt, dass sich Menschen die sich nur austoben wollen, in den seltensten Fällen auch das Label „polyamor“ aneignen. Ich würde sagen, dass etwa 90 Prozent der Leute die ich kennengelernt habe, die Sache auch ernst meinen. Denen geht es um das Ausleben ihrer Gefühle, nicht ihrer Sexualität. Aber selbst viele Leute die fremdgehen, gestehen sich nicht ein, dass sie eigentlich nur zu zwei oder mehr Menschen Gefühle entwickelt haben.

Wie verbreitet ist Polyamorie allgemein?

Deutschlandweit heißt es, dass es einige Tausend sind. Wobei die eigentliche Bewegung ja noch relativ neu ist. Inwieweit jedoch das Phänomen, dass Menschen sich in mehrere Menschen verlieben können,  verbreitet ist, ist eine momentan wahrscheinlich unlösbare soziologische Frage.

Bemerken sie einen gesellschaftlichen Trend zur Polyamorie?

Ich denke schon. Zumindest hoffe ich, dass die Zeit reif ist, damit die Leute endlich imstande sind offener über ihre Gefühle zu sprechen. So könnten Leute die sowieso schon potentiell in diese Richtung gehen,  auch dazu stehen. Außerdem will die Bewegung ja, dass Polyamorie gesellschaftlich anerkannt wird, damit solche Menschen überhaupt in die Gesellschaft integriert werden können – ähnlich zur Schwulenbewegung. Dann würden sich definitiv auch mehr Leute dazu bekennen.

Ist Polyamorie ein Zukunftsmodell für die Gesellschaft?

Es ist eher ein Alternativmodell. Es muss nicht jeder polyamor leben, aber es sollte anerkannt sein. Mein ganz persönlicher Traum ist, dass mono- und polyamore Menschen irgendwann nicht nur in Frieden, sondern auch in Liebe zusammen leben. Es wäre ein wichtiger Schritt für die Öffnung der Gesellschaft.

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