finanzkriseIm Jahr 2043 wird die letzte Zeitung gedruckt. Keine Prophezeiung, sondern schlichte Analyse des jährlichen Auflagenrückgangs. Berechnet in Philip Meyers „The Vanishing Newspaper“. Ein Buch das bereits vor fünf Jahren erschienen ist. Noch vor der Dominanz des Internets. 2043, das klingt heutzutage fast hoffnungsvoll, betrachtet man die aktuelle Situation.

Wir leben in Zeiten der Krise. Erst Finanzmarktkrise, dann Weltwirtschaftskrise und nun: Zeitungskrise? Auf den ersten Blick liefern Statistiken keinen Grund zur Panik. Es gibt in Deutschland fast 700 verschiedene Zeitungen, deren Auflage insgesamt relativ konstant ist. Das Problem ist der Anzeigenmarkt. Seit dem Jahre 2000 haben die internationalen Tageszeitungen bereits mehr als zwei Milliarden Euro an Werbeeinnahmen verloren. Dabei machen die Anzeigen fast die Hälfte der Gesamterlöse einer Zeitung aus. Dazu kommt, dass Werbebudgets  meist als Erstes gekürzt werden, wenn es kriselt. Wir aber erleben gerade die schwerste Weltwirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte, deren Ausmaß nicht absehbar ist. Also doch Grund zur Panik? Um das beantworten zu können, muss man zum Ursprung all der Krisen gehen. Ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Dort sieht es düster aus. So dokumentierte der Jahresbericht 2008 zur Lage der Medien in den USA eine bereits absehbare Entwicklung: Erstmals informierten sich Amerikaner mehr im Internet als in gedruckten Blättern. In San Francisco könnten die Bürger sogar bald nicht einmal mehr die Wahl haben. Denn die einzige Tageszeitung der Stadt steht vor dem Ruin. Doch mit diesem Schicksal ist sie keineswegs allein. Den „Seattle Post-Intelligencer“, immerhin eine Zeitung mit 145-jähriger Historie, gibt es schon seit einigen Monaten nur noch als Online-Ausgabe. Doch nicht nur regionale Zeitungen sind von der Entwicklung betroffen. Betrachtet man die diesjährigen Pulitzer-Preisträger, immerhin eine der wichtigsten Auszeichnungen für Journalisten in den USA, kommt man zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass selbst Qualitätsjournalismus im Printbereich wenig Hoffnung auf ein Überleben hat.

Selbst die große „New York Times“ muss Stellen streichen und Gehälter kürzen. Aber auch bei der konkurrierenden „Washington Post“ sieht es nicht besser aus. Sie schreibt bereits das zweite Jahr in Folge rote Zahlen und macht nur dank anderer Sparten überhaupt noch Gewinn. Bei der „L.A. Times“, die immerhin fünf Preise abräumte, halfen jedoch weder Entlassungen noch die Verringerung der Druckauflage – der Verlag musste wegen wegbrechenden Werbeeinahmen und einer enormen Schuldenlast Konkurs anmelden. Ein Schicksal, dass den „Miami Herald“ ebenfalls erlegen könnte, sollte man nicht umgehend einen neuen Käufer finden. Oder, wie die „Detroit Free Press“, die den Preis für Lokale Berichterstattung gewann, nur noch zwei Mal die Woche zu erscheinen. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzten, zeigt aber vor allen Dingen in welchem maroden Zustand sich die amerikanische Presselandschaft eigentlich befindet. Dabei offenbarte gerade die Pulitzer-Preisverleihung, was nur Zeitung kann.

Denn obwohl erstmals Online-Beiträge zur Verleihung zugelassen waren, gewannen nur Journalisten traditioneller Redaktionen die begehrten Preise, da die meisten Online-Portale nicht einmal ansatzweise die finanziellen Mittel besitzen, um Qualitätsjournalismus überhaupt zu bezahlen. Schon gar nicht Kriegsberichterstattung, bei der neben eigenen Journalisten auch „Fotografen, Video-Produzenten, Übersetzer und Sicherheitskräfte“  benötigt werden, wie Martin Gottlieb, leitender Redakteur der „International Herald Tribune“ anmerkte. Des Weiteren koste allein „ein einziges, gepanzertes Auto 400.000 Dollar“. Da könne das Internet „nicht mithalten“, so Gottlieb. Aber auch investigativer Journalismus,  wie der aufgedeckte Sex-Skandal des ehemaligen New-Yorker Gouverneurs Eliot Spitzer, wäre aus Personal- und Geldmangel für reine Online-Angebote, bis auf einige Ausnahmen, nicht realisierbar. Dass man ohnehin schon durch die Schnelllebigkeit des Internets Zusammenhänge vereinfachen muss, macht die Sache nicht besser. So lautet das weit verbreitete Credo im Internet immer noch: höherer Suchmaschinenrang vor Qualität. Daher verwundert es kaum, dass die gedruckte Tageszeitung für fast die Hälfte der Bevölkerung das glaubwürdigste Medium ist, während das Internet auf lediglich 6 Prozent kommt. Trotzdem scheint die Zeit des gedruckten Wortes abgelaufen. Für „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger ist die Debatte um das traditionelle Zeitungsgeschäft sogar schon längst beendet: „Das alte System ist kaputt – und es ist heute einfach zu teuer“. Hat Zeitung dennoch eine Chance?

Die Antwort lautet: Nicht nur Eine. Es wimmelt gerade so vor Ansätzen für Veränderungen. Es hapert eher an deren Umsetzung. Vor allem fehlt es an Zeit für ein neues und gleichzeitig tragfähiges Geschäftsmodell. Mit jedem Tag verliert man Leser ans Internet. Doch gleichzeitig wächst der Renditedruck in Zeiten der Rezession. Die Veränderungen müssen also bald geschehen und es muss ein Umdenken einsetzten, denn das reine Informationsgeschäft wird laut Medienexperte Jeff Jarvis „ziemlich schwierig“, weil es zu viel davon „umsonst im Internet“ gäbe. In der Tat haben sich reine Nachrichten zum normalen Verbrauchsgut wie Strom und Wasser entwickelt, die man bequem gebündelt und trotzdem  kostenlos über „Google-News“ beziehen kann. Deshalb müsse die Zeitung laut Jarvis, eher „sammeln, ordnen und das Beste zusammentragen“. Guardian-Chef Rusbringer ging sogar noch eine Stufe weiter und bezeichnete die Vorstellung des Journalisten als „allwissenden Gatekeeper, der der Welt mitteilt was wichtig ist“ als überholt. Und bekräftigte damit die wachsende Bedeutung von Blogs, Twitter und Bürgerjournalismus.

Im citizen journalism sehen dabei sowohl Jarvis als auch Rusbringer die größten Möglichkeiten. Dabei sollen Journalisten mit Freiwilligen Bürgern und Bloggern Netzwerke bilden, um eine Art hyperlokalen „Nachbarschaftsjournalismus“ zu gestalten. Ziel der Sache ist es, die Identifikation des Lesers mit dem jeweiligen Blatt zu erhöhen. Gleichwohl geht der Trend generell zum Lokalen. So plant der amerikanische Herausgeber Michael Stoll beispielsweise eine „journalistisch anspruchsvolle und gleichzeitig schlanke Zeitung“, deren Fokus hauptsächlich auf lokalen Themen liegt und die auf Anzeigen verzichten will. Druck- und Lieferkosten sollen dadurch verringert werden und die Zeitung trotzdem bezahlbar bleiben lassen. Außerdem sollen auch hier Bürgerreporter zum Erfolg des Projekts beitragen. Allerdings müsste es  dafür zunächst ein Umdenken geben. Denn viele hauptberufliche Journalisten betrachten solch eine Entwicklung als Gefahr. Sie fürchten um den Verlust journalistischer Qualität, vor allen Dingen aber um ihren Job. Dabei vergessen viele, dass die aufkeimende Augenhöhe zwischen Leser und Journalist sogar neue Berufsfelder ermöglichen könnte, sei es als Community-Redakteur oder Social-Network-Administrator. Ohnehin gilt der Weg ins Internet als unumgänglich. Die Frage ist derzeit nur: Welche Alternativen gibt es zum normalen Computerbildschirm?

Eine Möglichkeit könnte Amazon‘ neuer Kindle DX sein, der im Verlauf des Sommers in den USA erscheinen soll. Das Schlachtschiff unter den E-Readern, soll durch sein größeres Display erstmals auch für das Lesen von Zeitungen und Magazinen geeignet sein. Der 9,7-Zoll-Bildschirm hat jedoch seinen Preis. Wer das Gerät jetzt bereits vorbestellen will, muss dafür fast 500 Dollar berappen. Dennoch ergaben ernsthafte Berechnungen, dass der Kindle ein Zukunftsmodell sein kann. Die „New York Times“ beispielsweise, könnte jedem ihrer Leser ein Gerät schenken und würde trotzdem im Vergleich zur herkömmlichen Printausgabe ihre Kosten verringern. Und das nicht nur, weil die „Times“ selbst in das Projekt investierte. Eine andere Möglichkeit könnten dagegen die aus Steven Spielbergs „Minority Report“ berühmt gewordenen Polymer-Displays sein. Dabei handelt es sich um eine Art elektronisches Papier, das aus kleinen statisch geladenen Kügelchen besteht, die je nach elektrischer Spannung ihre Farbe ändern. Dadurch kann eine Zeitung, wie im angesprochenen Film, immer wieder ihre Inhalte aktualisieren. Da das Papier mittlerweile nur 0,1 Millimeter stark ist, lässt es sich außerdem falten und rollen. Dadurch bleibt das Gefühl einer „echten“ Zeitungslektüre erhalten. Bleibt nur die Frage: Wie finanziert sich die Zeitung von morgen, die diese Technologien nutzen soll?

Dabei schien für einige Verleger, der einfachste Weg die Rettung durch den Staat zu sein. In Zeiten in denen ganze Branchen nur am Steuergelder-Tropf überleben, wurde beispielsweise der Präsident des Schweizer Verlegerverbandes Hanspeter Lebrument, nicht müde, vehement Staatshilfe auch für Medienunternehmen zu fordern. Dabei wird in Europa bereits seit Jahrzehnten eine staatliche Presseförderung betrieben. So haben die 27 EU-Staaten, die Schweiz, Norwegen und Island allesamt ihren Mehrwertsteueranteil auf Zeitungen reduziert. Zu dieser indirekten Förderung kommt, dass zwölf dieser 30 Staaten, ihre Zeitungsbetriebe, beispielsweise im Falle einer wirtschaftlichen Krisensituation, auch mit direkten Beihilfen unterstützen. Ein weiterer Schritt in diese Richtung könnte deshalb ernsthaft die Pressefreiheit gefährden. Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer AG, betonte sogar, dass selbst „ein bankrottes Medienunternehmen“ besser wäre „als ein staatlich finanziertes und gelenktes“.

Dabei scheint Staatshilfe ohnehin nicht notwendig zu sein, sehen doch viele Verlage immer noch die Chance für ein lukratives Bezahl-Content-Modell. Das „Wall Street Journal“ führt zum Beispiel ab Herbst diesen Jahres, ein sogenanntes Micropayment-System ein, bei dem man für kleinere Geldbeträge, Zugang zu einzelnen Artikeln bekommt. Dabei ist der Erfolg solcher Modelle höchst fragwürdig. Die Onlineausgabe der „New York Times“ beispielsweise, erreichte nachdem sie ihr Archivangebot kostenlos machte, mehr als 40 Prozent Benutzerzuwachs. Und außerdem unzählige neue Suchmaschineneinträge. Die Rechnung: mehr Google-Treffer, mehr Leser, mehr Anzeigenerlöse. Denn obwohl die Werbungsbranche insgesamt schwächelt, ist das Internet das einzige Medium in dem wirklich gezielt und effizient geworben werden kann. Gleichwohl gibt es in den USA trotzdem längst Überlegungen, philanthropische Zeitungsstiftungen zu gründen, um ernsthaften Journalismus  abseits vom heiligen Prinzip der Auflage zu fördern. Ähnlich dem Genossenschaftsmodell der „taz“, die über 8000 Mitglieder mit einem einmaligen Genossenschaftsbeitrag finanzieren und dadurch Mitbestimmungsrechte erhalten.

Doch auch diese Vorschläge ignorieren, dass Zeitung ein grundsätzlich-strukturelles Problem haben könnte. Nämlich das sie einen nicht näher bestimmbaren Korb von Produkten anbietet, von denen die allerwenigsten konsumiert werden. Mit diesem Komplettangebot gleicht die Zeitung einem Warenhaus und denen geht es bekanntlich desaströs. Dabei muss Zeitung heute nicht mehr statisch sein. Warum nicht der Politikteil der „FAZ“, das Feuilleton der „Zeit“, kombiniert mit dem Sportteil der „Bild“ und garniert mit dem Streiflicht der „SZ“ in einer Zeitung? Transportierbar auf elektronischem Papier und beliebig aktualisierbar. Kein Wunschtraum, sondern ein Angebot das die Schweizer Post, zumindest vom Prinzip, gerade testet. Dort kann man sich aus über 20 in- und ausländischen Blättern seine individuelle Zeitung zusammenstellen. Ob es jedoch die erhoffte Rettung für die kriselnde Branche werden kann, bleibt abzuwarten. Zumindest die Nachfrageprognosen wurden weit übertroffen. Ein Satz den man im Zeitungsgeschäft schon länger nicht mehr gehört haben dürfte.

Robert Iwanetz

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